Ein Tag an unserer Schule
Wenn Sie an einem Schultag über unser Gelände, durch die Flure, in die Unterrichtsräume gehen, dann erleben Sie einerseits unverkennbar: Schule. Es wird gelernt und unterrichtet, ganz wie an anderen Schulen auch. Andererseits drängen sich Besonderheiten auf: Waldorfschule, Schule am Maschsee!
Nicht nur, dass die Gebäude anders aussehen, weniger einheitlich. Gleich morgens vor dem Unterricht: Die Schülerinnen und Schüler werden an den Eingängen einzeln mit Handschlag begrüßt. Dann folgen zehn Minuten Trubel in den Fluren und Klassenzimmern. Und dann wird es still. Und nach einem kurzen Augenblick der Stille spricht jede Klasse den Morgenspruch der Waldorfschulen, in dem sich die Schüler auf sich und auf die Welt besinnen, die Kleinen in einem anderen Spruch als die Großen. So beginnt bei uns der Schultag.
Der Morgenspruch eröffnet den Hauptunterricht, bis zur achten Klasse in der Regel beim Klassenlehrer, danach, in der Oberstufe, bei Fachlehrern: Drei bis vier Wochen lang, eine Unterrichtsepoche, täglich das gleiche Fach, hundert Minuten. In der nächsten Epoche wechselt das Fach. Das Prinzip: Konzentration und Vertiefung. Der Unterricht ist gegliedert, mit verschiedenen Arbeitsformen. Da gibt es große Unterschiede zwischen den Fächern und den Altersstufen. Eines aber zieht sich durch alle Klassenstufen und Fächer: Am Ende des Hauptunterrichts sollen die Schüler mit einer Frage hinausgehen, mit etwas, das am nächsten Tag aufgegriffen wird. Und wer dachte, dass Unterricht nur im Klassenraum stattfindet, wird eines andern belehrt: Vom Bau einer Mauer im Garten über den Start eines selbstgebauten Heißluftballons und 10 Meter Wassersäule im Treppenhaus bis zur Geometrie auf dem Schulhof kann man immer wieder neue Dinge erleben, die zeigen: Bewegung und Ortswechsel sind beliebt.
Und immer wieder gehen kleine Schülergruppen während des Unterrichts durch die Flure, zur Förderung in speziellen Räumen, bei speziellen Lehrkräften: Sprechen, Bewegen, Gedankentraining, Rechnen, Schreiben, Lesen.
Nach der ersten großen Pause beginnt der sogenannte Fachunterricht, im üblichen 45-Minutentakt, nach einem Wochenplan wie anderswo auch. Nun wird geübt und praktisch und künstlerisch gearbeitet, manches in Doppelstunden. Die Fächer sind zum großen Teil die gleichen wie an anderen Schulen, die Gewichte aber sind anders gesetzt: Musik, Kunst und Handwerk sind Schwerpunkte. Gartenbau und Pflege unseres Geländes. Und Eurythmie, von der ersten bis zur dreizehnten Klasse: Bewegung,die Sprache und Musik sichtbar macht. Schulung des körperlichen Ausdrucksvermögens, des Raumgefühls und der Wahrnehmung der Anderen. Und die Religion findet nicht nur im Religionsunterricht Platz, sondern auch in der Gestaltung der christlichen Jahresfeste, und sie durchzieht in den ersten Schuljahren den gesamten Unterricht.
Am Nachmittag kann all das getan werden, wofür am Vormittag kein Raum war. Eigentlich waren wir schon immer so etwas wie eine Ganztagsschule. Nun heißen wir auch so: Offene Ganztagsschule, mit zahlreichen Angeboten am Nachmittag, einem großen Speiseraum, einer ganztägig geöffneten Schulbibliotkek und einem entsprechenden Arbeitsraum , in dem Hausaufgabenbetreuung angeboten wird.
Für das was darüberhinausgeht, gibt es keinen solchen Namen. Denn zeitweise hört der Tag bei uns keineswegs um 16 Uhr auf: Projekte, am auffallendsten die Musik- und Theaterprojekte, abendliche Proben, Proben auch am Wochenende, in den Ferien. Und die Aufführungen: muss man erlebt haben.
Was dahinter steht? Man sieht es deutlich. Ein Bild vom Menschen, das nicht nur den Intellekt sieht, sondern das ganze Spektrum menschlicher Fähigkeiten. Und das alle diese Fähigkeiten so fördern will, dass jeder junge Mensch seine Stärken entwickeln und seine Schwächen überwinden kann. Und dass er die Schule mit guten Kräften für das Leben verlässt.
