F.A.Z., 04.03.2026, Nr. 53, Feuilleton, S. 12
In Stuttgart auf der Uhlandshöhe steht die älteste Waldorfschule: spektakuläre Architektur, beste Ausstattung. Rudolf Steiner hat hier selbst gewirkt. Welchen Einfluss hat seine Lehre, die Anthroposophie, heute noch auf den Unterricht?
Hat man es geschafft, sich durch das Fußgängerprovisorium am Stuttgarter Hauptbahnhof von der ewigen Baustelle freizukämpfen, sieht man im kleinen Park an der Schillerstraße in der Ferne schon die Uhlandshöhe. Der Anstieg dorthin ist beschwerlich. Zuerst kommen etwa 200 Stufen bis zur Kernerstraße, dann noch 100 Stufen die Emil-Molt-Staffel hinauf, und man hat es geschafft in die Haußmannstraße. Von hier oben, beste Wohnlage, bietet sich wiederum ein hervorragender Blick auf die Glaskuppeln von Stuttgart 21, die allerdings wie ein Fremdkörper in der Innenstadt aussehen.
Um das Gelände der Waldorfschule zu erfassen, muss man nun erneut den Blick heben. Abermals gibt es Treppen. Die Steinhauwerkstatt der Schule mit halb bearbeiteten Werkstücken lässt man rechts liegen, weiter oben kommt links der Oberstufenneubau mit Speisesaal von Behnisch Architekten – 2020 wurde er an der Stelle des alten Cafés "Zur Uhlandshöhe" errichtet –, rechts steht der dazu passende Verwaltungsneubau und geradeaus das Haupthaus mit dem Alten Festsaal, welches nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg auf den Grundmauern der frühen Zwanzigerjahre wiederaufgebaut wurde.
Architektur ohne rechte Winkel
Die Architektur scheut hier überall den rechten Winkel; gewölbte, pilz- oder amphibienartige Formen sowie expressionistische Verschachtelungen dominieren. Auch das Betonpflaster und die Sitzbänke sind abgerundet. Für einige Fassaden, die großzügigen Spielplätze, Treppenhäuser und Innenräume musste wohl ein kleiner Wald sein Leben lassen. Auf dem gesamten Gelände stehen mächtige Bäume aus der Gründungszeit der Schule.
Wir stehen auf dem Hof der ersten Waldorfschule überhaupt. Sie wurde 1919 von Emil Molt, Direktor der Stuttgarter Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, für die Kindern seiner Arbeiter ins Leben gerufen. Ein Jahr zuvor hatte der sozialreformerisch gestimmte Molt in Dornach einen Vortrag des von ihm bewunderten Rudolf Steiner, Gründer der Anthroposophischen Bewegung, gehört, worauf er diesen einlud, in Stuttgart eine freie Schule mit neuen pädagogischen Ideen zu entwickeln und schließlich die Leitung derselben zu übernehmen. Innerhalb weniger Monate wurde das Konzept entwickelt, die Gründungsfeier fand am 7. September statt. Die ersten Lehrer waren anfangs noch Angestellte Emil Molts.
Im Oberstufengebäude sind wir mit dem Biologie-, Chemie- und Geographielehrer Albrecht Schad, einem promovierten Biologen, verabredet. Die Eingangshalle ist großzügig und licht. Zwei Drittklässlerinnen durchqueren sie stolz mit einem Eisennagel in der Hand, den sie soeben in der Schmiede im Untergeschoss auf Ambossen selbst in Form geschlagen haben. Im Treppenhaus liegt ein Geruch von Leinöl.
Epochenunterricht und Astronomie
Im Klassenraum der 11b im zweiten Stock hat man einen atemraubenden Blick auf Stuttgart. Von 8 bis 9.45 Uhr steht in dieser Woche das "Epochenthema Astronomie" auf dem Stundenplan. Es wird den Hauptunterricht für etwa drei Wochen prägen, gefolgt von vier Schulstunden à 45 Minuten in den übrigen Fächern, zu denen auch die Eurythmie, die Bewegungskunst, gehört. Gerade wird die Frage behandelt, wie lange es dauere, an die Grenzen unseres Sonnensystems zu gelangen. Die Antwort lautet 4,2 Lichtjahre, was einer Entfernung entspricht, für die ein Raumschiff mehrere Zehntausend Jahre benötigte.
Die Drucke an der lila-pastell gestrichenen Wand – das Farbkonzept für die einzelnen Klassenstufen stammt von Rudolf Steiner selbst – führen mehrheitlich ins 19. Jahrhundert: der "Wanderer über dem Nebelmeer" von C. D. Friedrich, Gartenmotive von Monet. Die Holzfenster werden eingerahmt von einem geschmackvollen dunklen Vorhang, der Boden ist mit Parkett ausgelegt, zwölf runde Glaslampen hängen von der Decke herab, in deren Mitte ein Beamer angebracht ist. So einen Schulraum würde man jedem Kind wünschen.
Die Lerngruppe von mehr als 30 Schülern ist auffällig homogen, die Jungs haben meist kurze Haare, die Mädels mehrheitlich lange, nur ein Mädchen ist von dunkler Hautfarbe, alle sind unauffällig gekleidet.
Den berühmten Morgenspruch, das Ritual zum Beginn des Waldorfschultags, haben wir verpasst. Für die älteren Jahrgänge beginnt er mit den Versen "Ich schaue in die Welt; / In der die Sonne leuchtet, / In der die Sterne funkeln; / In der die Steine lagern ..." Doch es gibt viele weitere Eigenarten, die den Unterricht prägen. Da wäre zum Beispiel das opulente Tafelbild, das halb aufgeklappt die Tierkreiszeichen zeigt und komplett geöffnet das heliozentrische mit dem geozentrischen Weltbild vergleicht.
Die Stunde besteht über weite Strecken aus Frontalunterricht. Herr Schad stellt Fragen, die zum Nachdenken anregen sollen. Kommen keine Antworten, hebt er mäeutisch die Arme und gibt weitere Impulse. Er fragt, was denn der erhebliche zeitliche Abstand zu den Grenzen des Sonnensystems für den Menschen bedeute. Die Schüler wollen nicht so recht. Herr Schad springt ein: "Das Sonnensystem zu verlassen kann nicht geleistet werden." Die Erde sei "unser Heimatplanet", der einzige Ort "wo es schön ist" und er schließt mit den Worten: "Man könnte versuchen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen."
Diese Form des Frontalunterrichts ist nicht untypisch für den Epochenunterricht, der in voller Klassenstärke vor zum Teil mehr als 35 Schülern erfolgt. Erst anschließend, in den Fachstunden, wird der Klassenverband halbiert oder sogar gedrittelt.
Am Ende der Astronomie-Einheit sind die Schüler aufgefordert, die beiden Weltbilder von der Tafel in ihr Epochenheft, das im Grunde das Schulbuch ersetzt, abzuzeichnen und mit einem erklärenden Satz zu versehen. Spezielle Stifthalter und extragroße Geodreiecke werden sichtbar. Die Aufgabe ist keine große Herausforderung, doch das wenige, was es zu verinnerlichen gilt, werden die Schüler wohl so schnell nicht vergessen.
Im Gespräch nach der Stunde sagt Albrecht Schad, dass es ihm im Astronomie-Unterricht weniger um "Rote Riesen und Schwarze Löcher" gehe als um beobachtbare Phänomene, die es den Schülern in der Auseinandersetzung ermöglichten, "sich mit der Welt zu verbinden". Gegen Whiteboards habe sich die Gesamtkonferenz bewusst entschieden, Tablets würden bei Bedarf verwendet. Die Übungen, die er früher für zu Hause aufgegeben habe, habe er wegen ChatGPT schon vor Monaten in den Unterricht verlegt. Das Tafelbild hat Herr Schad am Morgen vor Beginn der ersten Stunde angefertigt, es muss wenigstens eine halbe Stunde gedauert haben.
Musik und handwerkliches Tun
In der ersten Fachstunde des Tages hat die Klasse 2b Musik im Anbau für die Erst- und Zweitklässler bei Barbara Kern. Zum Einstimmen schlägt sie die Triangel an; die Schüler, die vor im Kreis gestellten Bänken ohne Rückenlehne stehen, werden ruhig. In der Mitte auf einem Tisch stehen hölzerne Klangbausteine, die Kinder haben neben sich eine pentatonische Flöte, welche an eine etwas klobigere Blockflöte erinnert. Sie schwächt Dissonanzen ab und klingt daher immer melodisch. An der Wand hängt ein gemaltes Alphabet in Einzelbildern.
Es beginnt mit dem Lied "Ich sah, ich sah, wie die Sonne kam", in dem auch "Engelein" vorkommen. Das nächste folgt direkt darauf: "Der Igel im Hügel schläft tief". Alle Lieder sind orientiert an der Jahreszeit und werden mit kräftigen Kinderstimmen mitgesungen. Auch Einzelgesang, Flötenimprovisation und Pantomime werden im Lauf der Stunde abgerufen. Es ist beeindruckend, welche Fertigkeiten dabei alle zum Tragen kommen: das Aufeinanderhören, das Memorieren, ein Gefühl fürs richtige Timing. Gesungen und bewegt wird sich fast die ganze Stunde, das Repertoire ist beachtlich, die Schulstunde vergeht wie im Flug. Barbara Kern hat die Kinder über 45 Minuten hinweg als Vortänzerin und Dirigentin in Bann gehalten.
Nach der Stunde führt uns Katrin Hassenstein, Klassenlehrerin für die Stufen eins bis acht und ebenfalls Musiklehrerin, sie ging hier selbst zur Schule, über das Gelände, auf dem sich auch der Bau der Freien Hochschule Stuttgart befindet, eins der etwa zehn Seminare für Waldorfpädagogik in Deutschland.
Der sogenannte Saalbau, ein großzügiges, kühnes Gebäude, strotzt wie das von Rudolf Steiner entworfene Goetheanum in Dornach nur so vor Sichtbeton. In ihm befindet sich auch der Große Festsaal, ein Theaterraum mit großer Bühne, der etwa 900 Zuschauern Platz bietet. Gerade laufen in aufwendig produzierten Kulissen und Kostümen die letzten Proben einer achten Klasse für Shakespeares "Der Sturm". So eine höchst artifizielle Sprache für Achtklässler auf der Bühne? Diese Herausforderung sei beabsichtigt, sagt Frau Hassenstein: "Schüler sollen sich mit anspruchsvollen Werken der Theaterliteratur im schauspielerischen Tun auseinandersetzen und daran wachsen können."
Ein Stockwerk tiefer, wieder riecht es nach Leinöl, befinden sich die bestens ausgestatteten Holzwerkstätten. Sogar Geigenböden hängen in einer Ecke. Vitrinen auf dem Flur zeigen große Holzlöffel, geschnitzte Tiere und Webereien. Mitten auf einem Gang steht eine Schubkarre mit langen Holzbrettern zur Weiterverarbeitung. Das nahegelegene Kulissenlager kommt auf eine Raumhöhe von bestimmt sechs Metern. Man fühlt sich hier wie in einem kleinen Stadttheater.
Selbstverwaltung und soziale Struktur
Im Besprechungsraum des neuen Verwaltungsgebäudes – auf den Fensterbänken stehen Edelsteindrusen – treffen wir uns mit Christoph Kühl, promovierter Mathe- und Physiklehrer für die Klassen neun bis 13. Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet er in Stuttgart und gehört wie Katrin Hassenstein zum Schulführungskreis von sechs Personen. Einen Leiter hatte Rudolf Steiner an der ersten Waldorfschule nicht vorgesehen, er sah die Gefahr, dass sich das Kollegium auf fremder Führung "ausruhe".
Unterrichtet werden in der ersten Freien Waldorfschule etwa 900 Schüler von circa 90 Lehrern durchweg zweizügig in den Klassenstufen eins bis 13. Im Waldorfsystem erfolgt der Realschulabschluss erst in der zwölften Klasse, in der 13. können dann die Fachhochschulreife oder das Abitur abgelegt werden, was von bis zu 80 Prozent der Schüler wahrgenommen wird. Für das Abitur können Punkte nicht über die gesamte Oberstufenzeit angesammelt werden, was man als Nachteil werten muss. Es zählen nur die Abiturprüfungen, für die es besondere Vorbereitungskurse gibt. Die Ergebnisse lägen mit einem Schnitt von 2,0 über dem Landesmittel, sagt Christoph Kühl. Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass Waldorfschüler häufig eine für öffentliche Schulen ungewöhnlich homogene Gruppe bilden. Die Eltern sind oft Akademiker, Migrationsgeschichten sind selten.
Beide Lehrer finden das bedauerlich, da auch sie mehr Heterogenität als Bereicherung empfänden, doch sagt Christoph Kühl: "Sie geben ihr Kind nur auf die Waldorfschule, wenn sie sich eingehender mit Pädagogik beschäftigt haben und daraus ein besonderes Anliegen ableiten. Schon dieser Umstand sortiert eine ganze Reihe von Eltern aus." Zudem seien viele Eltern ehemalige Schüler, einige Familien gingen schon in vierter Generation auf die Uhlandshöhe. Diese könne man schlecht ablehnen.
Da die Zahl der Bewerber vor etwa 15 Jahren merklich zurückging, bekämen alle Interessenten heute aber in der Regel einen Platz. Die Schulkosten richten sich nach dem Einkommen der Eltern und liegen im Durchschnitt zwischen 200 und 300 Euro im Monat. "Wenn Eltern kein Geld haben, ist das kein Problem, das wird über den Gesamthaushalt aufgefangen", sagt Christoph Kühl. Obwohl Waldorfschulen für ihre geisteswissenschaftliche und künstlerische Ausrichtung bekannt sind, gingen erstaunlich viele Absolventen in ingenieurwissenschaftliche Berufe, ins Handwerk sowieso.
Anthroposophie als Hilfestellung
Einen Steiner-Kult oder museale Räume gebe es auf der Uhlandshöhe nicht, sagen beide Lehrer. In dem Buch "Der Waldorf-Komplex" hatte die Autorin Bettina Schuler kritisiert, Waldorfschüler würden nach anthroposophischen, oft der Rationalität entbehrenden Grundlagen unterrichtet und bewertet, ohne dass sie ihnen explizit vermittelt würden. Christoph Kühl sagt dazu: "Für uns Lehrer spielt die Anthroposophie vor allem dort eine Rolle, wo Steiner Begriffe bildet, die darauf abzielen, dass man die Kinder besser beobachtet und versteht, das gilt zum Beispiel für die Temperamentenlehre." Katrin Hassenstein hebt hervor, dass Steinersche Kategorien nicht als Bewertungskriterien dienten oder dazu, Schüler in eine Schublade zu stecken, sondern als Hilfestellungen für den Lehrer, den Schüler bestmöglich anzusprechen und ihn zu befähigen, sich weiterzuentwickeln. So vernunftgeleitet und offen die beiden Lehrer im Gespräch argumentieren, hundertprozentig verstehen kann man diesen letzten Mechanismus nicht.
Nach dem Mittagessen im neuen Speisesaal mit spektakulärer Fernsicht nehmen wir hinter einem in die Jahre gekommenen Sportplatz den Weg hoch zum Schulgarten, der auf 350 Metern liegt. Die Erde im Schulgarten ist tiefbraun, saftig und krümelig zugleich, so wie es sich jeder Gärtner wünscht. Hinter riesigen Rosmarinbüschen stehen noch vereinzelte Lauchstangen und Palmkohlpflanzen in großen Beeten. Vom Frühjahr an steht hier alles in vollem Saft, dann werden Obst und Gemüse auch an Eltern und Gäste verkauft.
Dieser Schulgarten an einer der bestgelegenen Stellen Stuttgarts ist die am längsten im Gebrauch befindliche Anbaufläche nach der Demeterpraxis, zu der auch die Verwendung biodynamischer Präparate wie mit Mist gefüllter Kuhhörner gehört. Und man könnte sich leicht darüber lustig machen, wenn sich nicht zum Beispiel einige der besten deutschen Weingüter dem Demeter-Anbau nach Impulsen Rudolf Steiners verschrieben hätten. Allerdings kann ihr Erfolg auch schlicht darin begründet liegen, dass, wer Hornmistpräparate herstellt oder in den frühen Morgenstunden Wasser in den eigenen Gärten versprüht, das zuvor nach einem bestimmten Ritual gerührt wurde, wahrscheinlich liebevoller und engagierter mit seinen Pflanzen umgeht und mehr über sie nachdenkt.
Im Schulgarten auf der Uhlandshöhe lernen die Schüler unter der Aufsicht eigener Gartenbaulehrer sämtliche Schritte des Gemüseanbaus bis hin zum Veredelungsschnitt. Es ist ein lauschiges Plätzchen hier oben direkt unter dem Himmel. Auch Schafe, Esel und Bienen ziehen auf dem Gelände ihre Bahnen. Das Ganze hat etwas Mönchisches, es ist bodenständig und entrückt zugleich. Ist das die richtige Haltung für die heutige Zeit? Den Weg zurück in die Realität des Stuttgarter Bahnhofs-Chaos kann man von hier oben jedenfalls nur als radikalen Abstieg empfinden.

